Baer und Bartle: Pioniere von Konsole und MMOG
Von Daniela Heine • 27. Jun 2009 • Kategorien: Berichte, Games Convention OnlineAuf der GCO 2009 werden zwei Männer vertreten sein, ohne die es heute vielleicht keine XBox, keinen GameBoy und keine MMORPGs gegeben hätte: MUD-Schöpfer Richard A. Bartle und der Erfinder der „ODYSSEY“-Konsole Ralph Baer. Jeder hat mit seinem Werk maßgeblich zur Entstehung der heutigen Computerspielwelt beigetragen.
Aber: wer sind sie, und was genau war das bahnbrechende Moment?
Wir haben hier ein paar der wichtigsten Daten zu Leben und Werk der beiden Erfinder für Euch zusammengetragen…
Am Anfang war die ODYSSEY
Das Jahr 1966. Die Idee kam Ralph Baer an einer Bushaltestelle: Warum nicht Spiele mithilfe eines externen Gerätes über den Fernsehmonitor laufen lassen? Gedacht, getan: Baer entwickelte die „Brown Box“. Über sie konnten zwei Spieler eine kleine Partie virtuelles „Ping-Pong“ gegeneinander spielen, indem sie zwei Regler an ihren Bedieneinheiten drehten – einen für die vertikale, einen für die horizontale Bewegung der auf dem Monitor dargestellten Spielfiguren. Ein einfaches und unterhaltsames Spielprinzip, das sich vielfältig verwenden ließ.

Die "Ur-Konsole": Magnavox ODYSSEY von 1972
Die Suche nach einem Hersteller dauerte indes an. Und so gelangte die Brown Box erst 1972 unter dem Namen „ODYSSEY“ im neuen weißen Plastikgewand als erste Spielkonsole auf den Markt. Auf der ODYSSEY konnte neben Pong auch eine Reihe anderer einfacher Reaktions- und Shooterspiele gespielt werden. Die ODYSSEY-Konsole wurde allein im ersten Jahr 100.000 verkauft, ein ungemeiner Erfolg, der dem Nachfolger „ODYSSEY 2“ den Weg ebnete.
Auch der „PONG“-Enthusiasmus durch Lizenznehmer Atari unterstützte nachhaltig den Kultstatus des Spiels. Daneben erwies sich Baers Idee für das Gedächtnisspiel „SIMON“ (in Deutschland unter dem Namen „Senso“ bekannt) ebenfalls als ein Verkaufsschlager; und auch die Idee der Spielerbildübertragung per Digitalkamera hatte der Visionär Baer schon vor Sonys Erfolg entwickelt – nur kam es seinerzeit nicht zu einer kommerziellen Umsetzung.
Der Erfolg von PONG und ODYSSEY indes war der Startschuss für den Siegeszug der Konsolen. Ohne Baers Erfindung sähe die Spielwelt heute anders aus.

Ralph Baer bei seiner Auszeichnung 2006
Zur Person:
Ralph Baer, 1922 als Sohn jüdischer Eltern in Deutschland geboren, emigrierte 1938 in die USA, wo er seinen Ingenieursabschluss am „American Television Institute of Technology“ machte und als Techniker bei verschiedenen Firmen arbeitete, bevor er Mitte der 1950er zum Rüstungskonzern Sanders Associates wechselte, wo er zum Manager der Abteilung Equipment Design aufstieg.
1975 startete Baer sein eigenes Unternehmen, R.H. Baer Consultants, das sich mit der Erfindung, Entwicklung und Lizensierung von elektronischen Verbraucherprodukten beschäftigt. 2005 veröffentlichte der Konsolenveteran Baer dann ein Buch mit dem Titel „Videogames: In the Beginning“.
In Anerkennung seiner Verdienste wurde Ralph Baer 2006 vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush mit der „National Medal of Technology“ ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung im Bereich Wissenschaft und Technologie in den USA.
Der Ahnherr der MMORPGs: Der „Multi-User Dungeon“ (MUD)
Es begann als studentische Spielerei an der University Essex in England.
1978 entwickelte dort ein Student namens Richard A. Bartle zusammen mit seinem Kommilitonen Roy Trubshaw das erste Echtzeit-Multiplayer-Adventure: „Multi-User Dungeon“, oder schlicht: MUD1 genannt.
Inspiriert von dem beliebten Fantasy-Singleplayer „Adventure“, der 1975 von Will Crowther und Don Woods programmiert worden war, hatten Bartle und Trubshaw das Spielprinzip erstmalig dergestalt erweitert, dass das Programm von mehreren Usern zugleich über einen Server gespielt werden konnte. Waren dies zunächst vorrangig Studenten, gesellten sich mit der Erweiterung des Internets zunehmend auch Privatbenutzer dazu.
Während Trubshaw in erster Linie programmierte, arbeitete Bartle an den Inhalten und füllte die Spieldatenbank. Die Dungeons und Puzzles, die er damals entwarf, sind bis heute noch Kult. Der durchschlagende Erfolg von MUD1 zog einen Kometenschweif ähnlicher Entwicklungen in Großbritannien und auch in Deutschland nach sich, darunter „AMP“, „Gods“ und „PaderMud“ (heute „Xyllomer“). Das Fundament für weitere Entwicklungen bis hin zu den heutigen MMORPGs war gelegt.

MMOG-Pionier: Richard A. Bartle
Mit MUD fing es an, hört aber nicht auf: Richard Bartle machte Virtuelle Welten und Künstliche Intelligenz zu seinen Forschungsschwerpunkten. Seit 2006 unterrichtet er überdies Game-Design im Studiengang Electronic Systems Engineering an der Universität in Essex.
Ausgehend von seinen Forschungen zu MUD-Spielertypen und -präferenzen entwickelte Bartle den „Bartle-Test“, der MUD- bzw. MMOG-Spieler je nach den Antworten zu ihrem Spielverhalten in die Kategorie „Explorer“, „Achiever“, „Killer“ oder „Socializer“ einteilt.
Fachliche Anerkennung erntete Bartle für sein 2003 veröffentlichtes Buch „Designing Virtual Worlds“, welches sich mit Entwicklung, Geschichte, Ethik und Eigenheiten von virtuellen Welten – speziell MMORPGs – befasst.
Bartle schreibt desweiteren für „Terra Nova“, einem prominenten Blog zum Thema virtuelle Welten. Zurzeit lebt Richard Bartle mit seiner Familie in England und ist Aufsichtsratsmitglied bei Areae Inc.
Unverwüstliche Spieklassiker
PONG hat bis heute in zahlreichen Varianten überlebt. Und auch die ursprünglichen MUDs gibt es noch. Zwar wurde MUD1 ursprünglich von Trubshaw in MACRO-10 für einen DECsystem-10-Computer geschrieben, und die DECsystem-10-Computer wurden 1999 außer Dienst genommen - dank der von Viktor Toth vorgenommenen Konvertierung in C++ jedoch kann seit 2000 auch heute noch die MUD1-Originalversion auf British-Legends.com gespielt werden.
Weiterführende Links zu Ralph Baer:
Ralph Baers Homepage
Wikipedia
Interview mit R. Baer
Die Anfänge der Videospiele: ein Überblick
Weiterführende Links zu Richard A. Bartle:
Wikipedia
Homepage und Studie „Players who suit MUDs“
Wikipedia: MUD
Interview über die Zukunft der MMOs mit R. Bartle
Daniela "Elalys" Heine
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